10 Mai

Dienstag, 12.07.2022

„Sucht kommt selten allein“ bringt es auf den Punkt. Während man in der Vergangenheit Suchtmittelabhängigkeit als isoliertes Krankheitsbild betrachtete und Komorbiditäten allenfalls im Zusammenhang mit psychiatrischen Krankheitsbildern behandelt wurden, setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass die langjährig gepflegte „Maxime“, zuerst die Suchtbehandlung und dann die Behandlung weiterer Krankheitsbilder, nicht mehr zu halten ist. Traumata, Depressionen, Angststörungen und weitere psychische Erkrankungen sowie unterschiedlichste psychiatrische Krankheitsbilder begleiten die Suchterkrankung sehr häufig und lassen sich nicht isoliert und nacheinander behandeln, sondern erfordern häufig ambulant wie stationär eine Komplexbehandlung.

Die Ursachen dieser zunehmend anzutreffenden Multimorbidität in Verbindung mit Suchterkrankungen sind vielfältig. Die Änderung der Konsummuster, der zunehmende polytoxikomane Suchtmittelkonsum, häufig verbunden mit Medikamentenmissbrauch, aber auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen könnten eine Rolle spielen. Auch die erfreulicherweise gewachsene Akzeptanz psychischer Erkrankungen, verbunden mit einer deutlich verbesserten und differenzierteren Diagnostik als vor zwanzig bis dreißig Jahren, bringt Krankheitsbilder ans Licht, die früher nicht gesehen wurden.

Und dann gibt es da noch das Ranking von Krankheitsbildern. Einer Suchterkrankung haftet heute immer noch ein größeres Stigma an als Burnout, Depressionen, Angststörungen oder chronische Schmerzzustände. ADHS und PTBS haben sich geradezu zu „Modediagnosen“ entwickelt. Diese komplexe Gemengelage wollen wir bei der diesjährigen Landestagung ausleuchten und Multi- und Komorbiditäten, die häufig mit Suchtmittelabhängigkeit in Verbindung stehen und deren Mitbehandlung erforderlich machen, in den Blick nehmen.
Die Landesstelle für Suchtfragen hat diesen Themenkomplex zu Ende gedacht und führt die diesjährige Landestagung in Kooperation mit den Zentren für Psychiatrie durch. Dass dies gelungen ist, ist nicht zuletzt der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der LSS und der Zentren für Psychiatrie zu verdanken. Ziel ist es, diese Kooperation auf die Zusammenarbeit vor Ort auszustrahlen zum Wohle der Klientinnen und Patientinnen.

Der Fachtag richtet sich an alle Fachkräfte der ambulanten und stationären Suchthilfe, an die Suchtselbsthilfe und an Mitarbeitende in den Suchtstationen der Zentren für Psychiatrie sowie angrenzende Hilfebereiche wie beispielsweise die Sozialpsychiatrischen Dienste. In allen genannten Arbeitsfeldern bis hin zu niedergelassenen Psychotherapeuten, begegnet uns immer häufiger „Double Trouble“, denn Sucht kommt immer seltener allein.

Wir bedanken uns bei der DAK – Gesundheit für die Förderung dieser Veranstaltung.

Die Veranstaltung ist mit 5 Fortbildungspunkten der Kategorie A von der LÄK anerkannt.

Programm:

10:00   Begrüßung
Elke Wallenwein, Vorsitzende LSS
Tobias Link, PZN Wiesloch, Sprecher der Facharbeitsgruppe Sucht der zfp Gruppe

10:15   Grußworte
Dr. Thilo Walker, Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration
Saskia Wollny, Direktorin Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg

10:30   Komplexer als man denkt – Doppel- und Mehrfachdiagnosen als Herausforderung
für die psychiatrische Versorgung und Suchtbehandlung

Dr. Martin Reker

11:15   Pause

11:45   Neurobiologie des Trauma-Gedächtnisses – Warum Suchtmittel so gut „helfen“
Dr. Wiebke Voigt

12:30   Mittagspause

ab
13:30   Workshops

Workshop 1
Neurobiologie des Trauma-Gedächtnisses
Moderation: Myriam Klein
Referent:innen: Dr. Wiebke Voigt, Martina Grün

Workshop 2
Sucht und psychische Komorbiditäten:
Impulse und Reflexion für ambulante und stationäre Suchtbehandlung

Moderation: Wolfgang Indlekofer
Referent:innen: Dr. med. Arne Zastrow, N.N. Zentrum
für Psychiatrie Emmendingen

Workshop 3
ADHS und Sucht
Moderation: Dorothea Aschke
Referent:innen: Dr. med Hans Martin Medwed,
Prof. Dr. med. Tillmann Weber

Workshop 4
Herausforderung Sucht und Psychose:
Zwischen Leidensdruck und Reha-Fähigkeit

Moderation: Dr. med. Sven-E. Seilkopf
Referent*innen: Tobias Link, Katja Friedrich

15:15   Podium – Perspektive für die Komplexbehandlung
Moderation: Natalia-Anna Albrecht
Teilnehmer*innen: Dr. Paula Hezler-Rusch, Nikolaus Lange, Roland Männer,
Tobias Link, Michael Müller-Mohnssen, Andreas Riesterer

16:15   Verabschiedung