In Baden-Württemberg bahnt sich eine stille, aber rasant wachsende Krise an: Immer mehr junge und konsumnaive Menschen geraten in die Abhängigkeit hochpotenter synthetischer Opioide. Während sich diese Substanzen aus dem Norden Deutschlands zunehmend in den Süden ausbreiten, bleibt die Datenlage im Land lückenhaft – und die Suchthilfe kämpft zugleich um ihre strukturelle Existenz.
Sicherheitsbericht 2025: Zahl der Drogentoten verharrt auf Rekordniveau
Der aktuelle Sicherheitsbericht des Innenministeriums zeigt, dass Baden-Württemberg im Jahr 2025 insgesamt 191 Drogentote verzeichnet und damit nahezu auf dem Rekordniveau des Vorjahres (195 Fälle) verbleibt. Damit liegt das Land weiter auf dem höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten.
„Dass sich die Zahl der Todesfälle auf diesem extrem hohen Niveau stabilisiert hat, ist kein Erfolg, sondern Ausdruck einer weiterhin dramatischen Lage“, erklärt die LSS- Vorsitzende Annalena Volz. Besonders problematisch seien der anhaltend hohe Anteil tödlicher Mischkonsumfälle sowie der weiter zunehmende Einfluss synthetischer Opioide und neuer psychoaktiver Substanzen.
Ein gefährlicher Trend erreicht junge Menschen – und zunehmend Kinder
Baden-Württemberg verzeichnet seit Jahren steigende Zahlen besonders junger Betroffener. Mischkonsum stellt dabei die zentrale Todesursache dar und wird durch synthetische Stoffe zusätzlich verschärft:
- Insgesamt sterben 2025 129 Menschen infolge von Mischintoxikationen, darunter 15 Heranwachsende und zwei Jugendliche.
Fachkräfte der Suchthilfe berichten, dass insbesondere junge Menschen keine Vorstellung davon haben, wie gefährlich moderne Opioide sind. Tabletten wie Tilidin und Oxycodon werden in Jugendkulturen verharmlost oder sogar glorifiziert, während parallel gefälschte und hochpotente Produkte im Umlauf sind. Viele junge Konsumierende wissen nicht, was sie nehmen, und welche tödlichen Wirkungen dahinterstehen.
Fehlendes Monitoring und überlastete Hilfesysteme verschärfen die Lage in Baden-Württemberg
Baden-Württemberg verfügt trotz wachsender Risiken durch synthetische Substanzen weiterhin über kein systematisches Frühwarnsystem. Es fehlen Instrumente wie Drug-Checking, Spritzen-Tests, Abwasseranalysen und schnelle Meldestrukturen, sodass gefährliche Entwicklungen oft erst spät erkannt werden. Gleichzeitig steht die Suchthilfe unter Druck: unsichere Finanzierung der Beratungsstellen, fehlende Verfügbarkeit von Naloxon Nasenspray trotz Entlassung aus der Verschreibungspflicht, zu wenige Substitutionsärzt:innen – besonders im ländlichen Raum –, fehlende Drogenkonsumräume sowie unzureichende Angebote für junge Menschen.
Appell der Landesstelle für Suchtfragen an die Landesregierung
Baden-Württemberg steht vor einer Entwicklung, die nicht ignoriert werden darf: Junge Menschen geraten zunehmend in eine Abhängigkeitsspirale, bevor sie die Risiken ihres Konsums verstehen – während das Hilfesystem nicht ausreichend vorbereitet ist. Notwendig sind jetzt:
- eine strukturell abgesicherte und dynamisierte Finanzierung der Suchthilfe
- flächendeckender Zugang zu Naloxon Nasenspray sowie der Ausbau von Substitutionsbehandlung und Drogenkonsumräumen
- ein landesweites Monitoring für neue psychoaktive und synthetische Substanzen, einschließlich Drug-Checking und Spritzen-Tests
- der Ausbau zielgruppenspezifischer Präventions-, Entzugs- und Therapieangebote für Jugendliche
Mit einer vorausschauenden Drogenpolitik können Risiken frühzeitig erkannt und Leben gerettet werden.
Für die Redaktion:
Aktueller Bericht zur Rauschgiftkriminalität des Ministeriums des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen: Rauschgiftkriminalität – Sicherheit in Baden-Württemberg 2025
Pressemeldung zur Zahl der Drogentoten 2025: lss-bw.de
